Das Spinnen, Weben und Flechten (lat. plectere, gr. hyphos, hebr. ereg) gilt bis heute als eine grundlegende menschliche (Hand-)Arbeit, die einzelne Teile miteinander in Beziehung setzt und zu einem Ganzen verknüpft. Die Hand als Instrument des In-Beziehung-Setzens, als Vermittler zwischen einer natürlichen und einer menschlichen Ordnung ist Teil der Organisation und Teil des Organismus zugleich. Das Nadelöhr der Hand ist in einem weiteren Sinne aber auch Pforte zur Kunst – das gilt traditionellerweise für die Malerei ebenso wie für die Bildhauerei. Die jüngsten Bilder des 1924 in Essen geborenen israelischen Künstlers


Naftali Bezem zeigen diese Verbindung zwischen Bild und Organismus, zwischen Malerei und Organisation auf originäre Weise. Für Bezem ist die Verbindung zwischen Geflecht (hebräisch: „ereg“) und Organisation (hebräisch: „irgun“) keine einzelsprachliche, sondern eine interkulturelle Grundkonstante. Das Geflecht als strukturelles Gestalten von Form (Malerei) und Idee (Sprache) durchzieht die Bilder Bezems wie ein roter Faden: Zusammen mit einem Grundrepertoire an Motiven (Schiff, Löwe, Mensch, Leuchter, Strickleiter, Kaktus) umkreist es einen malerischen Konflikt der Form, der das weite Feld zwischen Natur und Kultur mit jedem Bild von neuem bearbeitet und hinterfragt. Immer wieder tauchen auf den Leinwänden und Papierarbeiten Bezems Spuren, Furchen und Faltungen auf, die als Strategien der Organisation fungieren und die Farben und Linien zu dem machen, was sie im Auge des Betrachters sein werden: ein Bild. Dabei spiegeln die Muster, Formen, Wiederholungen, Rhythmen, Modulationen und Alterationen das Einzelne im Ganzen und umgekehrt: Die alte Einheit in der Vielfalt und Vielfalt in der Einheit wird in immer neuen Variationen durchgespielt und erprobt. Die Bilder erlauben (und fordern) ebenso sehr einen zoomenden Blick nach innen wie nach aussen. In der Spannung zwischen Mikro- und Makroorganisation erst entsteht das Organische der Wiederholung, das den Welt(an)sichten vergleichbar ist, die wir aus der Wissenschaft (Mikroskop, Fernrohr, Fotografie etc.) kennen. Damit deutet sich meist immer auch eine Dezentralisierung des Ikonischen an: Linienmuster und Strichknäuel ersetzen das Punktuelle, Diskontinuierliche – die Flächen erhalten eine an das Dekorative erinnernde Aufwertung. Zwischenräume und Einfaltungen entstehen, in die neue Bildelemente einfliessen und wirksam werden können. Das – im wörtlichen Sinne – Nachvollziehen des Auges, das an den Linien und Intensitätsströmen Entlanggehen, demonstriert eine Malerei der Fülle, die sich mit jedem Lidschlag immer wieder neu erfüllt. Es wäre falsch, Bezem lediglich als modernen Landschaftsmaler zu bezeichnen, denn die Abkehr von einer traditionellen Naturschau, die sich an den Massstäben einer „objektiven“ Wiedergabe misst, ist in seinen Bildern zu offensichtlich – nicht zuletzt, weil das „Natürliche“ der Landschaft bei Bezem immer schon im Geflecht, im Konflikt und/oder im Kontrast steht zum „Kulturellen“ des Menschen. Dieses Moment, das Bezem auch als „Überraschung“ bezeichnet, fordert die organisierende Hand des Malers: „Es will gemalt werden.“


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