Das Bild von Berlin als kunterbunte Spielwiese für Sound & Music ist hinreichend bekannt und etabliert. Ob Klassik, Oper, Schlager, Rock, Pop, zeitgenössische oder elektronische Musik – der hiesige Bär spielt gerne die erste Geige und tanzt und feiert bis in den frühen Morgen. Berlins musikalische Kompetenz beschränkt sich aber keineswegs ausschliesslich nur auf Produktion und Spiel; auch im Bereich der Aufnahme war, ist und bleibt Berlin ein Ausnahmentalent. Die qvest besuchte vier ganz besondere Orte für Play & Record in Berlin. Seit die Bilder das Laufen lernten spielt die Musik im Film eine wichtige Rolle.

In Berlin wird 1918, kurz nach Gründung der Ufa, das erste deutsche Filmorchester ins Leben gerufen, das bei so legendären Produktionen wie "Metropolis", "Nosferatu" oder "Die Nibelungen" die Musik einspielt. Diese Tradition führt das 1993 neu gegründete Filmorchester Babelsberg fort, eine Fusion aus dem DDR-Sinfonieorchester der Defa und dem Radio Berlin Tanzorchester. Das einzige Filmorchester Westeuropas hat im ehemaligen Rundfunkhaus der DDR ein neues und ideales Zuhause gefunden. "Ein Filetstück Berlins" sei dieser "ultimative Tonstudio-Bau" in der Nalepastrasse in Treptow, so der Intendant Klaus-Peter Beyer. Mitte der 50er Jahre wurde für nahezu jede erdenkliche musikalische Aufnahmesituation eine ideale Aufnahmesituation unter einem Dach geschaffen: Sinfonien, Kammer- und Unterhaltungsmusik, ja sogar Hörspielproduktionen finden dort ihre entsprechende Recording-Facility. In den vergangenen zehn Jahren spielte das Filmorchester über 170 Filmmusikproduktionen für Kino und Fernsehen ein. Über 75 Audio-CDs wurden in dieser Zeit aufgenommen und über 700 Male stand das Orchester bei Konzerten live auf der Bühne. Mittlerweile nutzen auch grosse Dirigenten wie Daniel Barenboim ("eines der besten Aufnahmestudios weltweit") oder Kent Nagano diese ehrwürdigen Räumlichkeiten der Ex-DDR.

Etwas weiter stadteinwärts unweit des Potsdamer Platzes steht das legendäre Hansa-Tonstudio: David Bowie, U2, Depeche Mode, Bon Jovi, Anne Clark, Grönemeyer, Maffay, Lindenberg – welche Rock-Grösse hat hier eigentlich noch nicht aufgenommen? "Wir sind halt eine typische Rock&Roll-Facility", meint Produzent Alex Wende, der mit seiner Auswahl alter Analog-Geräte, Filter und Mikrofonen selbst die routiniertesten Musiker aus diesem Business ins Staunen versetzt. Die alte Welt der Analogie hält sich hier die Waage mit der neuen Welt der Digitalität. Die zwei Aufnahmeräume sind zwar akkustisch vom Regie- und Aufnahmepult getrennt, sind aber dennoch durch Glasscheiben einsichtbar. Damit auch munter und kontinuierlich darauf losgerockt werden kann, stehen direkt über dem Studio rockmusikergerechte Wohnungen zur Verfügung.

Eine einmalige Synthese von Forschung, Lehre und Produktion findet im Elektronischen Studio der Technischen Universität Berlin am Einsteinufer statt. Auf nur wenigen Quadratmetern betreut Folkmar Hein zwei Aufnahmeräume mit einem modularen System an verschiebbaren Lautsprechern, mit denen verschiedenste Raumklangprojekte erforscht, entwickelt und untersucht werden. Bereits 1970 hat das Studio der TU bei der berühmten Stockhausen-Performance im Deutschen Pavillion an der Weltausstellung in Osaka Pionierarbeit geleistet. Zur Zeit arbeiten die Studierenden gerade an der Wellenfeldsynthese, einem Verfahren zur Verbesserung des Raumklangs (unter anderem auch in Kinosälen). Seit Anfang der 80er Jahre beschäftigt sich das Studio mit der Produktion und Herstellung digitaler Computermusik. Mittlerweile, so Hein, sei praktisch das gesamte Studio digitalisiert und Harddiscrecording ein nur allzu willkommener alltäglicher Standard. Damit die digitale Musik der Zukunft auch die entsprechenden Zuhörer findet, veranstaltet Hein zusammen mit dem Berliner Künstlerprogramm des DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) alle zwei Jahre das grosse Festival "Inventionen", das auch im kommenden Jahr wieder zahlreiche Veranstaltungen, Klanginstallationen und Aufführungen im Berliner Stadtraum präsentieren wird.

Auch wenn digitale Soundquellen, Audio-CDs und MP3-Files weltweit den Ton angeben und Schallplatten mittlerweile aus den meisten Regalen der Musikgeschäfte verschwunden sind, so ist die schwarze Scheibe dennoch nicht ausgestorben. Das mag einerseits daran liegen, dass es bis heute Sound-Puristen gibt, die auf den warmen Klang des Vinyls schwören. Andererseits fand durch das Aufkommen einer weltweiten Club-und Party-Kultur mit dem Discjockey als Selektor und Entertainer im Laufe der 80er und 90er Jahre ein wahres Revival der Schallplatte statt. Kaum ein Club auf dieser Welt, in dem keine Plattenspieler stehen würden, der DJ mit einem Plattenkoffer anreist und die Sounds der Rillen mittels eines Mischpultes ineinandergemischt und gecuttet werden. Die Demokratisierung des Produktionsprozesses durch digitale Computer- und Softwaretechnik führte zu einem regelrechten Boom des Homerecordings: Musik, die – im Gegensatz zu früher – mit relativ geringen Mitteln in den eigenen vier Wänden entsteht. Damit solche Produktionen auch später im Club, also dann, wenn sie von Platte eingespielt werden, auch wirklich gut klingen, bedarf es in den meisten Fällen eines professionellen Masterings, das die spezifischen Qualitäten und Eigenarten der analogen Schallplatte berücksichtigt. Mit dem Mastering werden beispielsweise Störgeräusche eliminiert oder bestimmte Frequenzen an - und ausgeglichen. Die Grossmeister des Masterings in Berlin sitzen am Paul-Lincke-Ufer in Kreuzberg in direkter Nachbarschaft zum legendären Plattenladen Hard Wax. Hinter dem unscheinbaren Firmennamen "Dubplates & Mastering" verbirgt sich in Wirklichkeit eine der wichtigsten Homebases der elektronischen Musik. Gegründet wurde das Studio von Moritz von Oswald und Marc Ernestus (Maurizio, Basic Channel, Chain Reaction), den zwei grossen, deutschen Pionieren des Technos. In den 90er Jahren wurden hier von namhaften Grössen wie Andy Mellwig (Porter Ricks, Continuous Mode) oder Stefan Bethke (Pole) neue Standards für den Bereich des Masterings und des Vinyl-Cuttings definiert, die dem kleinen Berliner Studio Weltruf einbrachte. Um neue Tracks bereits in Clubs testen zu können, ohne diese gleich in eine teure und ungewisse Massenproduktion zu geben, gibt es zusätzlich die Möglichkeit, ein Dubplate zu produzieren, eine Unikat-Schallplatte, bei der die Rillen direkt auf das Rohmaterial der Scheibe eingeritzt werden.

© Pat Kalt


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