Stell dir vor, du entscheidest dich für eine Karriere als elektronischer Musikproduzent und deine Freunde sind alte Rocker ... Geht nicht? Geht doch, würde Jake Fairley sagen, und der muss es schließlich wissen. Denn als der junge Kanadier, der in der Nachbarschaft von Parkdale in Toronto aufwuchs, 1995 begann, mit elektronischen Sounds herumzuspielen, waren seine Kumpels alles waschechte Rockfreunde. Eine Geschichte besagt, dass Jeremy P. Caulfield eines Tages im Jahre 2000 in einer kleinen abgefuckten Bar ein paar Bierchen zwitscherte und zufälligerweise eine Perfomance von Jake Fairley miterlebte,


der vor zehn Leuten spielte, von denen fünf bereits komatös alkoholisiert auf den Tischen lagen. Aus dem Besäufnis wurde Freundschaft und aus der Freundschaft das Label Dumb-Unit mit Caulfield als Labelboss und Fairley als einem der ersten Produzenten.

Zurück in die Gegenwart. Hier nämlich spielt das neue Fairley-Album "Touch Not The Cat", an dem sich nach der Veröffentlichung mit Sicherheit einige Geister scheiden werden. Oder wie es die Pressemitteilung des Labels so treffend umschreibt: "'Touch Not The Cat' ist ein kompliziertes und präzises und dennoch ein irgendwie direkteres und kompromissloseres Album; ein Album, das ohne Zweifel so manchen Minimal-Warmduscher weinend zurück zu Mami schickt."

Tja, da ist fertig mit lustig. Schon der Album-Opener "Nightstick" präsentiert mit brachialer und ohrenbetäubender Gewalt die Vermählung von Techno und Rock. Die Synthesizer brummen noch bedrohlicher als bei Monstertruckdriver Haas, der schnurgerade Beat will einfach nur immer weiter nach vorne, um uns dort alle Köpfe im Endlostakt durchzuschütteln, und die Stimme Fairleys rotzt auf eine so schnoddrig-nonchalante Art und Weise, wie es eben nur diese Rock-Fuzzies aus Amerika hinbekommen: "Das neue Album klingt ja schon ein wenig anders als die Releases zuvor. Ich habe versucht, einen Sound zu finden, der meine verschiedenen Arbeiten aus den vergangenen Jahren zusammenführt und auf den Punkt bringt."

Auch Rock, klar!
Die vergangenen Jahre waren auch die Zeiten von "The Uncut", einem Tech-Rock-Projekt, das Fairley zusammen mit seinem ehemaligen Mitbewohner Ian Worang betrieb, und das er selbst als "größten Teil meines Lebens" bezeichnet: "Ian hat einfach mal angefangen mit seinem Bass zu meinem Live-Act zu spielen und daraus entstand dann unser Duo. Wir hatten alle zwei Wochen irgendwelche Gigs und spielten in unzähligen Rock- und Techno-Clubs, ganz einfach, weil wir beides waren." Deswegen, so erzählt Fairley weiter, konnte er mit seinen Solo-Projekten auch in andere Richtungen steuern - einfach weil er diese für ihn nötige Portion Rock zusammen mit Ian zelebrierte. Nach der räumlichen Trennung durch seinen Umzug nach Deutschland vor einem Jahr und der damit verbundenen kreativen Sendepause zwischen den beiden Freunden machte sich das Fehlen der täglichen Portion Rock bemerkbar und so begann Fairley, sich die notwendige Dosis durch sein Soloprojekt anzueignen. Das Resultat liegt nun im neuen Album vor, das in drei verschiedenen Städten entstanden ist: "Lustigerweise hat jede Stadt dabei so ein bestimmtes Soundbild geprägt: In Köln waren es die Rockstücke, in Toronto die Techno-Banger und in Berlin die relaxteren und atmosphärischeren Stücke."

Auch Mikrofon, sowieso klar!
So paaren sich auf der neuen Platte dann auch diese unmissverständlichen und schmutzigen Hammerbeats mit schlurfendem, abgerocktem und so hemmungslos nach Gitarre klingendem Soundgekreische. "Alles nur Synthesizer!", wie der Kanadier versichert, die Gitarre werde erst in Toronto wieder ausgepackt, wo Fairley seine Tournee startet, die ihn auch in die USA und zurück in seine Wahlheimat Deutschland führen wird. Dafür wird das Mikrofon nun wieder vermehrt zum Einsatz kommen.

Eine Tatsache, die vielen Techno- und Minimal-Puristen ein Dorn im Auge sein wird, führt Fairley mit dem Einsatz seiner Stimme doch in ein Fahrwasser, das eher in Richtung Songwriting steuert als in den Hafen des simplen Effekts. "Ich gehe ja anders an den Gesang heran als die meisten Leute, die Techno mit Vocals produzieren und die den Gesang als ein Element des Sounds begreifen wie eine Bassline oder eine Hihat und die dieses Element dann bearbeiten, zerstückeln und arrangieren." So möchte Fairley in Zukunft nicht nur mit präzisen und gut strukturierten Beats auf sich aufmerksam machen, sondern auch mit seiner Stimme: "Ich hoffe, dass die wirklich guten Songwriter, die meine Platte anhören, nicht die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sagen: Oh je, was für 'ne Gurke!"


BACK         RETURN TO TOP