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Fürs Käsefrühstück ist es dann doch leider schon zu spät an diesem sonnigen Nachmittag. Und so muss Tadd Mullinix, dieser schüchterne junge Mann mit dem poppigen Seitenscheitel, mit einer Zwiebelkäsesuppe vorlieb nehmen. Diese ist jedoch glücklicherweise heiß genug, so dass vor dem genüsslichen Auslöffeln noch ausreichend Zeit bleibt, um über den musikalischen Werdegang, seine gespaltene Persönlichkeit und das neue James-Cotton-Album "The Dancing Box" zu plaudern. Aufgewachsen in einem Trailer-Park irgendwo in Florida, schickt ihn die Mutter schon früh zum Musikunterricht.
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Tadd paukt Posaune, Violine und Cello, fällt beim strengen Musiklehrer in Ungnade und zieht irgendwann nach Michigan in das kleine Universitäts-Städtchen Ann Arbor, etwa eine Autostunde westlich von Detroit, wo er beim Aphex-Twin-Hören (wie so viele andere seiner Generation) seine zukünftige Bestimmung erkennt. "Der Umzug kam zur rechten Zeit. In Florida leben ja überall nur alte Menschen im Ruhestand. Da hätte sich meine Karriere wohl oder übel anders entwickelt ...“ Mit Highschool-Freund Todd Osborn produziert er seine ersten Tracks, wilden 95er-Ragga-Jungle, und eröffnet einen Plattenladen für elektronische Musik, wo er vor vier Jahren dann durch Zufall die Bekanntschaft von Ghostly-Labelbetreiber Sam Valenti macht. Dieser erkennt sofort die verborgenen Talente, die in Tadd schlummern, und gibt ihm auf seinen Labelplattformen Ghostly und Spectral den notwendigen Freiraum, um dessen gespaltene musikalische Persönlichkeit ausleben zu können.
Von nun an veröffentlicht Tadd unter dem Pseudonym Dabrye instrumentalen HipHop (2002 erscheint das gefeierte Album "One/Three") und legt als James Cotton glühend heiße Techno-Kohlen mit chinesischen Vocals ins Feuer (zu hören auf der "Mind Your Manners"-EP von 2001). Unter seinem bürgerlichen Namen präsentiert er schließlich jene Tracks, die er selbst gerne als "post-braindance electronica" bezeichnet. (Das Cotton-Pseudonym bekam zwischenzeitlich ein “T“ in die Mitte geschoben, um jegliche Verwechslungsmöglichkeiten mit dem berühmten Mundharmonika-Blues-Musiker gleichen Namens auszuschließen.)
Tanz die Kiste
"The Dancing Box" ist ein abwechslungsreiches und perfekt ins Licht gesetztes Techno-Statement mit deutlichen Anleihen in Richtung Westen (Detroit) und Osten (Chicago). "Muddy, dirty, dark, slow, sexy, acid", sind die Adjektive, die Tadd wie aus der Pistole geschossen nennt. "Ich wollte endlich mal das Album machen, das ich mir schon immer kaufen wollte, aber nirgends gefunden habe ..." Auf den aktuellen, mit Volldampf fahrenden Acid-Revival-Zug will er damit aber auf gar keinen Fall aufspringen. "Ich habe eigentlich nie aufgehört, Acid-Platten zu lieben, zu kaufen und zu spielen. Von Revival kann da also nicht die Rede sein. Außerdem sollte man versuchen, mit solchen Trends nicht vergangenen Zeiten hinterherzutrauern."
Mullinix' Produzenten-Philosophie klingt denkbar einfach: "Du kannst einfach alles benutzen, um gute Musik zu machen." In seinem Studio arbeiten so auch digital und analog - je nach Track und Style – in Eintracht Hand in Hand. Raum für Kompromisse gibt es da nur wenig. Als Musiker pocht er auf höchstmögliche "künstlerische Reinheit und Eigenständigkeit". Jedes Pseudonym soll eine ganz "bestimmte und abgeschlossene musikalische Welt“ repräsentieren. Diesen Ansatz verfolgt der Amerikaner auch beim Auflegen: "Ein guter DJ sollte sich nicht einfach nur auf seine Mixing-Skills verlassen und die Platten so eine nach der anderen auf die Teller werfen, ohne darüber nachzudenken, was er da eigentlich tut."
So ist das neue Album auch alles andere als typisches Four-to-the-Floor-DJ-Futter. Psychedelisch-halluzinogene Acid-Trips mit Düster-Synthies und Vocals ("The Drain", "Distant Trip", "That's How I Like It") aus dem Dunkelkeller, langsam dahintreibende Sound-Mäander ("H. D. F. K.") und kompromisslose Technowalzer ohne Minimalismus-Allüren ("Buck!", "Saavy") kulminieren schließlich in einem Titeltrack, der die brachial-ungeschliffene Energie eines frühen Jamie Lidell (zu hören auf seiner "Safety in Numbers"-EP) kongenial mit verdreht-manieristischen Synthesizer-Sturmläufen à la "Donna" von MMM kombiniert. Feuer frei, kann man da nur sagen.
Die Zwiebelkäsesuppe ist mittlerweile verputzt und Tadd erörtert den Gedanken eines Umzuges von Michigan nach Berlin. "Berlin gibt mir einen Geschmack von dem, wie es wohl sein würde, wenn ich ganz von meiner Musik alleine leben könnte." So sei das Touren in den USA aufgrund der großen Distanzen und vergleichsweise kleinen Elektro-Clubs um einiges anstrengender und weniger ergiebig als ein Musikerleben im Herzen Europas. Und wenn die Freundin hier einen Job finden würde, dann, ja dann würde er es wohl gerne versuchen wollen. Auch wenn er in Berlin natürlich einer unter vielen Produzenten und DJs aus aller Herren Länder wäre. "DJs und Musiker in Berlin – das ist ja so was wie Baseball-Karten sammeln in den Staaten ..."
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