lizenziat
prolegomena
projektion_inskription_tradition

Das Piktogramm im abgedunkelten grünen Zimmer des Hauses fordert den Besucher auf, den Kontakt mit dem ersten Teil der dreiteiligen Arbeit «projektion_inskription_tradition» von Pat Kalt aufzusuchen. An der Wand, über dem Kamin spuckt ein Diaprojektor endlos leuchtende Namen ohne Hierarchie aus, das «Gedächtnis der Zeit» erinnert sich pausenlos an alle jene, die in Haus und Ort lebten oder zu Besuch kamen. Im «Raum der Projektionen» schreibt sich die Geschichte


am Ort ein, sich selbst auf Wände projizierend, füllt mit ihrem zeitenschweren Körper den Raum, macht diesen zum Material der Geschichte als «res-gestae». Der einfache Eingriff findet zuerst seine sichtbare Verdoppelung am Körper eines jeden, diesen Raum betretenden Besuchers, der beim Beschreiten des Raumes die Projektionen physisch, jedoch passiv unterbricht, durchbricht. Sein ahnungsloser Körper wird somit zur wandelnden Projektionsfläche und zum Projektionskörper zugleich, er wird zum «Grund» der Geschichte, auf welche sich diese jetzt schreibt. Der Körper des Besuchers wird vom Raum, vom Ort, von der Geschichte eingenommen, «überwältigt», wird Grund (Anlass), wird selbst Material zur Geschichte. Der Körper des Besuchers wird jedoch auch von einem anderen Körper, dem Körper der Schrift überwältigt. Die Typographie der projizierten Namen, des Schriftkörpers, von Pat Kalt bewusst ausgewählt, nämlich der Gebrauch von Schrifttypen der Gegenwart, von jedem historischen Schnörkel befreit, möchte darauf aufmerksam machen wie Geschichtsbetrachtung geschieht, nämlich im «jetzt» und vom jeweiligen soziokulturellen Standpunkt aus zurück in die Vergangenheit. Auch Verweigerung eines die Arbeiten begleitenden, erläuternden «klassischen» Textes zugunsten eines Piktogrammes will sich ebenfalls als Zeichen im Kontext des obenerwähnten Diskurses verstehen. Beschriftet, beschrieben mit geschichtsträchtigem Körper, verlässt nun der Besucher den Raum, die anderen Arbeiten abzuschreiten.

Und am Ende des Ausstellungsparcours, noch vor Verlassen des Hauses geht man an jener Ecke der «Inskriptionen» vorbei, dem zweiten Teil der Arbeit, wo die «Bücher», die Gästebücher zur Eintragung der Besucher auf liegen. Für welche Zeiten, für welche Schreiber sind sie gedacht, diese selt samen Bücher aus Lindenholz-, Speckstein- und Schiefertafeln, die dazu benötigten Instrumentarien wie Schnitzmesser, Eisengriffel und Metallstift mitgeliefert, je nach Materialität und Beschaffenheit des «Grundes», Werkzeuge wie zu vergangenen Zeiten, als das altnordische, altdeutsche «scriban» einreissen, aber auch verwunden bedeutete, da das Material, der Schreibgrund hart und fest, aus den Adern von Stein und Holz gewonnen, und die Art des Einschreibens zum körperlichen Akt, zur körperlichen Arbeit wurde. Wer sich nun in den Büchern einträgt, die persönlichen Insignien und somit das Private veröffentlicht - die jeweilige «Schreibgeste» wird auch hier mittels Piktogramm vermittelt - tut dies im ursprünglichen Sinne durch ritzen, kratzen, aushöhlen und gleichzeitigem verletzen, denn erst wenn der Schreibgrund durch den körperlichen Akt verletzt wird, kann sich der Einschreibende das ganz persönliche Zeichen, in den eigenen, hinterlassenen Spuren, in der so erzeugten Verletzung des Grundes wiedererkennen. Ein Akt ausserdem, der unvermeidlich an alle die Piercings, qualvollen Brandings, Tätowierungen und Narbenzeichnungen aller Art erinnert, heutige Runenzeichen, die nebst Symbolik und Mystik ihrer soziokulturellen Ursprünge auch auf den uralten, zeitlosen Wunsch des Menschen nach Dauerhaftigkeit des ganz Persönlichen hinweisen. Nach einer Dauerhaftigkeit vielleicht, im Sinne einer Verewigung, wie sie die exzentrische Materialität der Gästebücher verkörpert, wie jene in Stein und Himmel geschriebenen Botschaften, als unvergängliche, die Zeiten überdauernde Art der Kommunikation mit jenem Gott, der das erste Wort sprach. Wie jene auf Stein eingemeisselten Inschriften der Antike, schliesslich, wie jenes romantische «sich auf Baumrinde verewigen», sich im Buche der Natur einzuschreiben. Das Eintragen des Besuchers in den Büchern bedeutet somit auch ein Stück Biographie, ein Stück eigene Geschichte schreiben, bedeutet eine Art der Verewigung.

Geschichtsschreibung ist auch ein Akt der Tradierung. Die auf ein binäres System umcodierte Geschichte des Wenkenhofs, zusammen mit einem geometrischen Grundriss des Geländes aus dem Jahre 1805, auf grossen Stoffbahnen aus Rohseide gedruckt und vor dem Ausgang im Foyer aufgehängt, wird dem Besucher zur Selbstauswahl per Schere angeboten, um ein Stück herauszuschneiden, auf Postkarte zu kleben, mitzunehmen, weiterzureichen. Es ist als letzter aktiver Akt des Besuchers gemeint, sich an der Ausstellung und über die Ausstellung hinaus zu betätigen. Dieses performative Aufmerksam-machen auf die Art des Tradierens, des Weiterreichens der Geschichte, geschieht zuerst über die Materialisierung letzterer. Die seidene Stoffbahn, ein Textilkörper, zugleich historisches Indiz und Anspielung auf Beruf, Leben und Wohnort des Seidenfärber-lndustriellenpaares Alexander und Fanny Clavel, bekommt eine neue Textur der Oberfläche, nämlich das Bild der binären Umsetzung der Geschichte des Ortes, welches jetzt wie entmaterialisiert, wie befreit von seinem historischen Gehalt erscheint, jedoch noch zusätzlich das Bild des historischen Grundrisses erhält. Das daraus Entstandene ist zunächst eine Art Objektbild, eine Art Stoffbild, wie Textsegel, wie Texthain, von kartographischem Charakter. Zwischen dem Sichtbar- Lesbaren des Grundrissbildes und des existierenden, jedoch nicht lesbaren abstrakten Textbildes entsteht ein «imago historiae», ein räumli cher Artefakt, der zum Überbringer eines Ortes, eines Textes und eines Bildes wird. Der Akt der Tradierung bedeutet aber auch einen neuen Akt der Geschichtsschreibung; diese geschieht dort, wo das Material zur Geschichte (Seidenstoff und Grundriss) sich mit der konstruierten, aufgeschriebenen Geschichte, der «Historie» verbindet. Die neue Textur, der digitale Text markiert diese Schnittstelle zwischen Text und Textil, zwischen Schrift und Körper und ist nach Pat Kalt «Abstraktion und Reduktion, Struktur und Ordnung, Muster und Repetition: kleinstmöglichste Sinneinheit, die auf nichts mehr verweist, als auf das eigene Prinzip, autoreflexiv und absolut». Geschichte entsteht nun dort, wo ein körperlicher Akt, wie der des Schnittes, und ein schriftlicher Akt, wie jener der Tradierung zusammenkommen, am Kreuzweg von Körper und Schrift, von Text und Textil.
(Kiki Seiler-Michalitsi, Alexander-Clavel-Stiftung)


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